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Baden-Württemberg Wohin unterbringen: Die Wohnbox, die keiner will

Ein findiger Zimmermann entwirft ein Mini-Holzhaus für Flüchtlinge. Leider besteht kaum Interesse bei den kontaktierten Gemeinden.

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Michael Egger will Nägel mit Köpfen machen und entwarf eine preiswerte Wohnbox. Die Resonanz der angeschriebenen Gemeinden ist bescheiden. | Bild: Fricker

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So sieht das Mini-Wohnheim aus: Essen, schlafen, kochen, baden auf 29,3 Quadratmeter. | Bild: Egger

 

Die Kanzlerin hat gut reden: Man solle auch mal fünfe grade sein lassen, empfahl Angela Merkel, als sie auf die nahenden Engpässe bei Unterkünften angesprochen wurde. Das war Anfang September, als der Herbst noch warm war. Inzwischen sind die Engpässe vor Ort angekommen. Das Wort der Regierungschefin steht noch immer im Raum, bevor es als Seifenblase zerplatzen wird. Denn fünfe grade sein lassen ist leichter gesagt als getan in einem Staat, in dem die Vorschriften alles sind und ein Beamter Kopf und Kragen riskiert, wenn er aus der Fünf eine gerade Zahl macht.

„Helfen ist gar nicht so einfach“


Dafür liefern die vergangenen Tage ein gutes Beispiel. Der Zimmerer Michael Egger in Uhldingen-Mühlhofen erfuhr von den Nöten der Gemeinden, die Flüchtlinge unterzubringen. Also setzte sich der 49-Jährige hin, überlegte und entwarf schließlich ein kleines Haus mit massiven Holzwänden. Die Wohnbox, wie er das Häusle nennt, war geboren. Es hat 29,3 Quadratmeter Wohnfläche und bringt vier Personen unter. Zwei Stockbetten sind vorgesehen, Regal, Küchenraum sowie Bad. Egger ist ein vierschrötiger Handwerker mit Ohrringen. Er wollte helfen in einer Situation, in der es an bezahlbarem Wohnraum für Flüchtlinge mangelt, sagt er im Büro des Familienbetriebs.

Dann wurde dem Handwerksmeister eine Lehre erteilt. „Helfen ist gar nicht so einfach“, erfuhr er, nachdem er seine Unterlagen an die Gemeinden im Bodenseekreis (FN) sowie ans Landratsamt in Friedrichshafen verschickt hatte. Die Ausbeute war bescheiden: Kaum eine Gemeinde würdigte das Angebot einer Antwort. Aus Immenstaad erreichte ihn folgendes Mail: „Ihre Nachricht wurde ungelesen gelöscht am 09. Oktober um 06.45.07 Uhr.“ Dabei hat Immenstaad nach eigenem Bekunden große Probleme, um Wohnraum zu finden. Das enttäuschte den Zimmermann, er sagt: „Ich will gar nicht das große Geschäft machen, aber eine Antwort ist das mindeste, was ich erwarte.“

Nur einer schreibt zurück: Peter Kühndl von Landratsamt. Er lehnte den Kauf von Wohnboxen aus Mühlhofen ab. Immerhin eine Reaktion, auch wenn sie negativ ausfiel.

Im Gespräch mit dieser Zeitung begründet der Beamte den Bescheid: „Wir bauen grundsätzlich massiv, wenn wir bauen“, sagt der Vertreter des Bau- und Liegenschaftsamtes. Holz käme deshalb nicht infrage, nur Mauerwerk. Und noch etwas, das auch die Kanzlerin interessieren dürfte: „Wir müssen eine Bauvergabe ausschreiben. Wir können einen Auftrag nicht freihändig vergeben“, sagt Kühndl mit Verweis auf die Vergaberichtlinien. Für ihn sind die Richtlinien bindend – und nicht die gut gemeinte Empfehlung der Kanzlerin, die berühmten fünf gerade sein zu lassen. Kühndl deutet im Gespräch an, dass er sich eine freihändige Vergabe nur einmal leisten könne.

Kühndl erhält nach eigener Berechnung acht bis zehn Mails pro Tag, in denen der Behörde Bewohnbares angeboten wird. Boxen, bewegliche und feste Zelte, Container, Hallen mit und ohne Fundament. „Da ist eine gewisse Goldgräberstimmung im Lande“, stellt er fest. Anfragen beantwortet er nur noch, wenn sie aus der Region kommen wie bei Michael Egger. Er ahnt: Da will sich mancher eine goldene Nase holen. „Die Preise für Container sind nach oben geschossen“, sagt der Beamte und verweist auf Ravensburg.

Andere Erfahrungen machte eine Firma in Neukirch (Bodenseekreis). Die Bauer Holzbausysteme bieten Holzhäuser für 30 Personen pro Teil an, der Preis liegt bei 370 000 Euro. Das ist stattlich, doch seien blecherne Container nicht billiger, wenn man alles zusammenrechnet, sagte Inhaber Jörg Bauer der Landesschau. Die Stadt Augsburg hat großzügig bei ihm bestellt.

Geld verdienen wollte auch Egger. „Jeder verkauft seine Leistung, auch ich“, sagt er. 36 000 Euro hätte eine Einheit für vier Personen gekostet. „Damit hätte ich aber nicht viel verdient“, rechnet er. Er habe auch als Bürger gehandelt, wie es Politiker gerne fordern, wenn vom Mittelstand und dessen Erfindungsreichtum die Rede ist. Zusammen mit seinem Bruder Jochen leitet Michael Egger den Betrieb in der dritten Generation. Die Eggers sind im Dorf verwurzelt. Da ist der Narrenverein Mühlhofen, in dessen Elferrat er lange saß. Der Narrenverein und andere Vereine brauchen die kommunale Halle. „Wenn dort Flüchtlinge reinkommen, dann wird das öffentliche Leben blockiert“. Auch deshalb habe er die Wohnbox gebaut. Wie es aussieht, wird es vorläufig beim Plan bleiben.